Rheinauen Kapitel 3: Hochwasser
29.1.2021 Vor der Flut
Als ich heute nach Neuburgweier komme, steht der Wasserstand am nahen Pegel Maxau bei etwa 6,50 m. Innerhalb der nächsten 36 Stunden wird das Wasser noch zwei Meter höher steigen.
Wo im Sommer oft der Boden komplett trocken ist, strömt nun das Wasser bereits mit kräftiger Geschwindigkeit vorbei.
Schon jetzt erkennt man bei der geschlossenen Bellenkopf-Schließe, einem Durchlass, der die Wasserzufuhr zum Altrhein regelt, dass der Wasserspiegel auf der vom Damm geschützten Seite deutlich höher als auf der anderen ist.
Überall gluckert, plätschert und rauscht es. Ab und zu höre ich auch ein Krachen und Knacken, wenn in der Strömung treibende Bäume oder große Äste irgendwo anstoßen.
Ich fahre noch ein Stück weiter in Richtung Au am Rhein, muss aber vor dem Damm parken, da die Straße dahinter nun überflutet ist.
Das Wasser steigt jetzt um etwa 10 cm pro Stunde. An solchen Tagen sollte man keine allzu langen Spaziergänge durch den Auwald planen, denn ein Weg, der am Morgen noch trocken war, kann schon bald komplett unter Wasser stehen, so wie hier auf einer beliebten Wanderroute.
Ich beschränke mich nun auf einen Spaziergang in einem etwas höher gelegenen Bereich, doch auch hier fließt das Wasser bereits über manche Wege.
Morgen wird am Höhepunkt dieser Flut das Wasser so tief sein, dass es mir hier über den Kopf fließen würde. Faszinierend!
30.1.2021 Hochwasser
Gegen 11 Uhr zeigt Pegel Maxau bereits etwa 8,20 m an. Um Mitternacht wird mit 8:51 m der Höhepunkt erreicht werden. Ich habe schon einige stärkere Überschwemmungen erlebt, aber die Wassermengen begeistern mich jedes Mal. 2013 stieg das Wasser auf 8,68 m und 1999 sogar auf 8,84 m.
Die Wiese am Hafen bei Neuburg am Rhein steht jetzt natürlich unter Wasser.
Jetzt steht das Hochwasser überall direkt am Rheindamm. Der Blick auf den überfluteten Wald weckt in mir jedes Mal ein intensives Gefühl für die Kraft der Natur.
Natürlich soll man bei extremem Hochwasser nicht auf dem Deich wandern. Außerdem gefährdet der Hochwassertourismus die ohnehin jetzt gestresste Tierwelt. Daher gehe ich nur an einer Stelle kurz hinauf.
Feuerwehr und Deichwacht fahren ständig am Deich entlang und kontrollieren, wo und wieviel Wasser unten hindurch sickert. An einem großen Baum rennt ein Eichhörnchen auf und ab. In den nächsten Tagen wird es wohl keinen trockenen Boden erreichen.
Wo normalerweise viele Ausflügler zur Rheinfähre fahren, schwimmen jetzt nur Schwäne. Die vielen Nutrias, die es hier gewohnt sind, mit Brot und anderen für sie ungesunden Dingen gefüttert zu werden, müssen ihren Platz zum Betteln um 100 oder 200 m verlegen, aber hungern müssen sie heute wegen der vielen Schaulustigen ganz bestimmt nicht.
Eine noch recht junge Ringelnatter ruht sich direkt an der Wassergrenze auf dem Asphalt aus. Die ungiftigen Schlangen verkriechen sich im Winter an geschützten Stellen, doch diese hier hatte sich wohl den falschen Platz dafür ausgesucht. Zum Glück können Ringelnattern gut schwimmen. Zuerst glaube ich, sie sei tot, doch dann bewegt sie ihren Schwanz. Bald wird sie auch hier der Flut weichen müssen.
Bei Maximiliansau sehe ich das Ausmaß der Überschwemmung besonders deutlich. Die weiten Ackerflächen zwischen Friedhof und Rhein, über die man normalerweise zum Goldgrund fährt, stehen komplett unter Wasser.
Einige Kilometer weiter nördlich steht auch die Straße beim Hafen in Leimersheim bereits unter Wasser.
31.1.2021
Der ständige Wechsel zwischen Trockenheit und Überflutung ist für mich der faszinierendste Aspekt der Rheinauen. Anders als beim täglichen Auf und Ab der Gezeiten am Meer verändert sich der Auwald nur langsam und in nie langfristig vorhersehbaren Phasen, dafür aber umso stärker.
An manchen Stellen fließt das Wasser mit einer enorm schnellen Strömung an mir vorbei, an anderen scheint es im Wald stillzustehen.
Auf einer Informationstafel am Hochwasser-Lehrpfad lese ich, dass sich durch die Umgestaltung und Versiegelung der Landschaft sowie den Bau von Seitenkanälen und Staustufen die Geschwindigkeit der Hochwasserwellen drastisch erhöht hat. Hier steht, dass zwischen 1955 und 1977 130 Quadratkilometer Überflutungsfläche verloren gingen und eine Hochwasserwelle 1955 von Basel nach Karlsruhe noch 65 Stunden, 1977 aber nur 30 Stunden brauchte. Durch Planung und Bau vieler neuer Polder wird sich dies allmählich wieder ändern.
4.2.2021 Philippsburg
Von der Zufahrtsstraße zum ehemaligen Kernkraftwerk Philippsburg schaue ich auf das Hochwasser.
Hier wurde der Damm nicht für Fussgänger gesperrt. Daher gehe ich noch ein Stück weiter, bis der Wander- und Radweg hinab ins Wasser führt.
Wahrscheinlich kennt jeder von Euch Wanderfreunde, die bisher noch keine Ahnung davon haben, dass ich inzwischen mehr als 13.000 km auf Fernwanderwegen sowie mehr als 2.600 km auf Tageswanderungen mit Beschreibung und mehr als 13.600 Fotos vorstelle. Teilt es ihnen auf Eurer eigenen Homepage oder Euren Social Media Account mit, damit sich auch Eure Freunde viele Anregungen zu einer schönen Tour holen können.




